Es gibt ein Muster, das ich in meiner Sprechstunde immer wieder sehe, und über das kaum jemand offen spricht. Langjährige Partnerschaften, die zwischen dem 45. und 60. Lebensjahr auseinanderbrechen. Manchmal nach 20, 25, 30 gemeinsamen Jahren. Kinder aus dem Haus, beruflich etabliert, wirtschaftlich gefestigt und dann trennt man sich. Häufig ist es die Frau, die geht. Häufig kommt das für den Mann überraschend. In einer Befragung von über tausend Geschiedenen zwischen vierzig und achtzig gaben zwei Drittel der Frauen an, die Trennung selbst eingeleitet zu haben. Und in fast allen dieser Fälle spielen hormonelle Veränderungen eine weit größere Rolle, als die Betroffenen selbst ahnen.
Was bei der Frau passiert
Der Östradiol-Abfall verändert Schlaf, Stimmung, Reizbarkeit, Antrieb. Was dabei kaum je angesprochen wird, ist die Testosteron-Frage. Ein wichtiger hormoneller Faktor für die Anziehung zwischen Mann und Frau ist das Testosteron und Frauen produzieren mengenmäßig mehr davon als Östradiol. Sinkt es, verlieren Frauen die körperliche Anziehung zum Partner, ohne die hormonelle Grundlage dafür zu kennen. Sie erleben den Mann zunehmend nicht mehr als anziehend, sondern als Quelle von Reibung. Und wenn viele Jahre die Pille genommen wurde, ist das SHBG oft so hoch, dass das freie Testosteron kaum noch wirkt.
Dazu kommt etwas, das in der Hormonersatztherapie häufig nicht erklärt wird. Progesteron kann Schlaf verbessern und Reizbarkeit dämpfen. Aber es führt nicht automatisch zu mehr Lebendigkeit und Leidenschaft. Frauen, die eine HRT erhalten und sich danach immer noch flach fühlen, wundern sich. Die Antwort liegt meist woanders.
Was beim Mann passiert
Der hormonelle Wandel beim Mann läuft langsamer ab. Kein akuter Umbruch, sondern ein schleichender Abbau über Jahre. Das Gesamttestosteron liegt beim Hausarzt häufig noch im Normbereich und damit ist die Diskussion meist beendet. Aber selbst wenn die Werte formal noch passen, liegen sie oft deutlich niedriger als zehn Jahre zuvor. Der Anteil, der tatsächlich an die Zelle kommt, sinkt zusätzlich, weil SHBG ansteigt und immer mehr davon bindet.
Der Mann wird zurückhaltender, vermeidet Konflikte, der Freundeskreis schrumpft. Er schreibt das seinem Alter zu. Er sei halt ruhiger geworden. Was viele Männer erst im Rahmen einer Hormonausgleichsbehandlung bemerken: dass ihnen über Jahre langsam etwas abhanden gekommen ist, das sie gar nicht mehr als Verlust wahrgenommen hatten.
Was beide vergessen
Ohne funktionierende Nebennierenachse wirkt keine Hormontherapie vollständig. Testosteron und Östradiol brauchen Cortisol als Voraussetzung, um am Gewebe ihre Wirkung zu entfalten. Ein Mann mit optimalen Testosteron-Werten und erschöpfter Nebenniere fühlt sich schlapp. Eine Frau mit gut eingestellter HRT und ausgezehrter Cortisol-Achse hat trotzdem keine Libido.
Und was macht das Leben zwischen Mitte vierzig und Mitte fünfzig mit den Nebennieren? Kinder in der Pubertät, Eltern im Pflegeheim, beruflicher Druck, Schlafmangel, chronischer Stress ohne Regeneration. Beide Partner haben keine Reserve mehr. Und wenn die bei beiden fehlt, interpretiert man das als Beziehungsproblem.
Die Reihenfolge
Ich sage nicht, dass Trennungen ab fünfzig hormonell bedingt sind. Manche Trennung ist richtig und sie wäre es auch mit ausgeglichenen Hormonspiegeln gewesen.
Worum es mir geht, ist das Wissen. Am besten gemeinsam. Beide informieren sich über die Anzeichen, über den Ausgleich der Hormone und noch wichtiger über die Stressachse. Genau dafür sind dieser Newsletter und die Projekte gedacht, die daraus entstehen. Mehr Klarheit. Mehr Information. Damit Entscheidungen auf einer Grundlage getroffen werden, die man kennt.
Dein Marc